Inselparadies in Kenia fürchtet Folgen von gigantischem Raffinerieprojekt
Tourismus oder Industrie? Umwelt oder Öl? Der Startschuss für das größte Industrieprojekt aller Zeiten im ostafrikanischen Kenia bring die malerische Insel Lamu in eine Zwickmühle. Während sich die Bewohner des auch bei Prominenten beliebten Eilands durch die geplante Mega-Raffinerie teils überrumpelt fühlen, setzt die Regierung auf Fortschritt. Getrübt wird die Hoffnung auf Aufschwung und zehntausende Arbeitsplätze allerdings auch von der Sorge um wertvolle Ökosysteme.
Bekannt ist Lamu für seine Altstadt aus dem 12. Jahrhundert und paradiesische Strände, die die Insel im Indischen Ozean zum beliebten Reiseziel für Stars wie Mick Jagger, Kate Moss oder die Obamas gemacht haben. Doch binnen kürzester Zeit ist die Küstengegend bei Lamu nun zum geplanten Standort für das 16 Milliarden Dollar schwere Projekt des nigerianischen Großindustriellen Aliko Dangote geworden, der dort die zweitgrößte Raffinerie des Kontinents errichten will.
Erstmals ins Spiel gebracht worden war das Megaprojekt des reichsten Mannes Afrikas im April, bereits im Juli fiel dann die Standortentscheidung für Kenias Nordostküste, am Mittwoch erfolgte der offizielle Startschuss für die Bauarbeiten. Dangote plant, dass der Betrieb bereits 2030 aufgenommen werden soll.
Für die Bewohnerinnen und Bewohner Lamus – einer Insel, auf der es keine Autos gibt und stattdessen verbreitet Esel für den Transport benutzt werden – blieb damit kaum Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, dass vor ihrer Haustür künftig ein riesiger Komplex zur Verarbeitung fossiler Brennstoffe entstehen soll. Einige reichten bereits Klage gegen das Projekt ein, da sie befürchten, dass ihre Besitzrechte verletzt werden könnten; Umweltorganisationen wie Greenpeace warnen unterdessen, dass die Raffinerie "eines der empfindlichsten Küstenökosysteme Ostafrikas" zu schädigen drohe.
Dangote wiederum warf den Kritikern des Projekts am Mittwoch vor, die Entwicklung des Kontinents ausbremsen zu wollen. Auch Kenias Staatschef William Ruto bezeichnete Gegner der Raffinerie, die das Projekt vor Gericht anfechten wollen, anlässlich des Spatenstichs als "Erpresser". Später schlug der Präsident allerdings versöhnlichere Töne an: "Eure Stimme wird gehört werden", versicherte er den Einwohnern Lamus. Grundstücksfragen sollten gesetzestreu und fair behandelt werden - und die ökologischen und sozialen Auswirkungen würden "sorgfältig geprüft".
Einige der Anwohner überzeugt das aber nicht: Eine Umweltverträglichkeitsprüfung hätte es schon vor Beginn der Bauarbeiten geben müssen - und nicht danach, kritisierte etwa die auf der Insel ansässige Künstlerin Salwa Mahmoud gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Bereits am Dienstag hatten sich in der Altstadt dutzende Menschen zu Protesten versammelt.
Andere setzen hingegen Hoffnungen in das Versprechen, dass die Raffinerie 60.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze schaffen soll - und außerdem ein Ausbildungszentrum für tausend junge Menschen geplant ist. Teils wird allerdings auch befürchtet, dass davon vor allem Zugezogene profitieren könnten oder die Versprechen nicht eingehalten werden. "Es gab keine Bürgerbeteiligung, die Gemeinden wurden von Anfang an nicht einbezogen", kritisiert der Direktor der Lamu Arts and Theatre Alliance, Said Hassan. "Wir glauben nicht, dass sie all diese Dinge umsetzen werden."
Um ihre Existenzgrundlage fürchten unterdessen die Fischer der Insel - und Beschäftigte im Tourismus: Die Branche ernähre 90 Prozent der Insel, erklärt der Tourismusanbieter Famau. "Touristen kommen wegen der Kultur hierher. Nicht wegen der Öltanker."
(M.Scott--TAG)